Ritter Sebastian von Castelberg

Sebastian wurde um 1540 als jüngerer Bruder des nachmaligen Abtes Christian von Castelberg in Disentis/Mustér geboren. Um 1560 verheiratete er sich ein erstes Mal mit Catarina Caverdiras, nach deren Tod mit Agatha Deflorin.1 Bereits als Jugendlicher ritzte er seinen Namen samt Familienwappen auf die Rückwand eines Altars, was von frühem Standesbewusstsein zeugt.2 Über seine Ausbildung ist nichts bekannt. Seine Karriere verlief zweigleisig: Zunächst war er ab 1558 in französischen Kriegsdiensten, wo er schnell zum Hauptmann aufstieg und als solcher in den Pensionslisten des Königs erscheint.3 Daneben startete er seine politische Karriere 1565 als Landschreiber der Gerichtsgemeinde Disentis/Cadi, die das Sprungbrett zu weiteren politischen Ämtern bildete.4 Für die Periode 1567/69 war er kurze Zeit Landvogt in Maienfeld, welches Amt die Drei Bünde bestellten, bevor er wieder ins Schlachtfeld zog.5 Seine wilden Anwerbungen für die Hugenottenkriege sorgten jedoch 1568 für Kritik seitens des dreibündischen Freistaates.6 Gleichwohl beteiligte er sich 1573 an der blutigen Belagerung von La Rochelle und übernahm Gesandtschaftsdienste zu König Heinrich III. von Frankreich.7 1579 ernannte ihn dieser zum Chevalier, während er bereits vorher den päpstlichen Titel «Ritter vom Goldenen Sporn» erhalten hatte.8

In den Jahren 1574, 1576, 1578 und 1579 ist Sebastian von Castelberg als Landammann (Mistral) der Cadi bezeugt, pro 1576/77, 1579/80 und 1582/83 als Landrichter des Oberen Bundes.9 In letztgenannter Funktion war er 1576 Gesandter nach Innsbruck und im folgenden Jahr nach Venedig.10 Diese verantwortungsvollen Missionen steigerten seinen Status in ganz Graubünden. 1580 wurde er zum Einzieher der französischen Pensionsgelder für die Drei Bünde erwählt und von Nuntius Giovanni Francesco Bonhomini als «Grisei foederis quasi principem virum» gelobt.11 Zwei Jahre später reiste er nach Paris zur Erneuerung des Soldbündnisses mit Frankreich. Über den festlichen Empfang der Bündner Gesandten am königlichen Hof liegt ein anschaulicher Bericht vor.12 Bei diesem Anlass erhielt Sebastian von Castelberg eine goldene Kette, wobei er bereits vorher auf dem Altarporträt eine solche trug.13 Diesen, dem Heiligen Michael gewidmeten Renaissancealtar hatte er der Klosterkirche gestiftet.14 Neben frommer Verbundenheit mit seinem Abtbruder drückt sich darin auch sein Repräsentationswille aus. Umso mehr, als er sich und seinen Sohn Johannes (†1587) selber am Altar aufmalen liess.

Die persönliche Vermögensvermehrung rührte zweifellos durch die Solddienste, wie schon seine Zeitgenossen bemerkten: «Er ist zu grossem Ansehen, Ehr, Vermöglichkeit und Herrlichkeit aufgestiegen».15 Mit dem gewonnenen Geld baute er sich 1570–72 den Herrschaftssitz Chischliun als «Volksburg» mit eigener Hauskapelle.16 Hier vergrösserte er den Gutsbetrieb und bewirtete als stolzer Schlossherr später Kardinal Carlo Borromäus. 1576 wurde er – wohl dank seiner Söldnervermittlung – ins Urner Landmann-Recht aufgenommen.17 Sowieso unterhielt das Kloster ja rege Beziehungen zum Urserntal.

Als Disentiser Landammann urteilte er 1579 im Streit um Weiderechte zwischen den Dörfern Cumpadials und Pardomat. Ein Jahr später stiftete er in der St. Anna-Kapelle in Trun eine Kerze.18 1582 wurde er als amtierender Landrichter zum Obersten im Auszug gegen das Herzogtum Savoyen ernannt, der dann nicht stattfand. 1584 amtierte der erfahrene Politiker als «Obmann» in den Grenzstreitigkeiten zwischen Laax und Sagogn.19 Die Krönung der politischen Karriere wäre die Landeshauptmannschaft in Sondrio pro 1585/87 gewesen. Dieses Amt konnte er infolge einer Intrige aber nicht antreten. Stattdessen musste er es seinem Schwager Paul Deflorin überlassen.20

In seinem 47sten Lebensjahr starb dann 1587 «Ritter» Sebastian von Castelberg und hinterliess vier Erben.21 Er kann durchaus als «Typus eines Kriegsmannes und Politikers seiner Zeit» charakterisiert werden.22 Wie andere Aristokraten in Graubünden legte er großen Wert auf Repräsentation, sei es mittels Bautätigkeit, sei es mittels visueller Darstellungen und Schenkungen. Die familieninterne Tradition rühmt ihn als kunstaffinen Mäzen.23

Dr. phil. Adrian Collenberg (*1966)
Studium in Allgemeiner Geschichte, Rätoromanistik und Historische Hilfswissenschaften an der Universität Zürich Mitarbeiter der Schweizerischen Rechtsquellenstiftung
Verschiedene Editionen und Publikationen zu Rechts- und Sozialgeschichte in Graubünden

Fussnoten

1 Poeschel 1959, S. 140ff.; vgl. auch Leu 1751, S. 150; HBLS 2, S. 509; HLS 3, S. 229; LIR 1, S. 159.
2 KDGR V, S. 88; Poeschel 1959, Tafel VII/3; zur späteren Einritzung in der Sontga Gada-Kapelle vgl. KDGR V, S. 104.
3 Poeschel 1959, S. 154f.; Pfister 1926, S. 181.
4 StAGR AB IV/5, Band 26: KundschaUsprotokoll 1568–1579, S. 5, 193 und 322.
5 Collenberg 1999, S. 36.
6 StAGR A II, LA 1/Nr. 1618; StAGR AB IV 1/1, S. 83.
7 Poeschel 1959, S. 157ff.; Castelberg 1996b, S. 71.
8 Castelberg 1940, S. 234; Poeschel 1959, S. 165f.
9 Müller/Berther/Gadola 1944, S. 91; Maissen 1990, S. 59f.
10 Ardüser/Bo] 1877, S. 65; Castelberg 1935, S. 67; Poeschel 1959, S. 147f.
11 StAGR AB IV 1/5, S. 167; Poeschel 1959, S. 143
12 StAGR AB IV 1/6, S. 73; Ardüser/Bo] 1877, S. 73; ZBZ Ms L 40, S. 88–127 = ; Poeschel 1959, S. 150f.
13 Poeschel 1959, S. 154
14 Poeschel 1935, S. 213ff.; Müller 1971, S. 78; Schönbächler 1999, S. 26ff.
15 Ardüser 1598, S. 15.
16 Poeschel 1930, S. 244; Poeschel 1959, S. 167f.
17 Müller 1938, S. 11.
18 SSRQ GR B III/1, Nr. 803; Brunold/Saulle Hippenmeyer 1999, S. 117.
19 Poeschel 1959, S. 160f.; SSRQ GR B III/1, Nr. 473.
20 Jecklin 1926, S. 365f.
21 Ardüser 1598, S. 23; Ardüser/Bo] 1877, S. 102.
22 Poeschel 1959, S. 170.
23 Castelberg 1935, S. 67; Castelberg 1940, S. 372f.

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